Brauchen wir ein spezielles Training zur Förderung des Lernverhaltens?
Matthes, Gerald: Hofmann, Birgit; Emmer, Andrea: Brauchen wir ein spezielles Training zur Förderung des Lernverhaltens? - In: Zeitschrift für Heilpädagogik 52 (2001), 9, 360 - 367
Anliegen
Ein großer Teil der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Bereich des Lernens und der Leistung zeichnet sich durch vergleichsweise gute allgemeine kognitive Fähigkeiten aus, bleibt aber in den Leistungen in wichtigen Lernbereichen unter diesem Niveau. Unter den mannigfaltigen Gründen spielen Misserfolgsorientierung und Anstrengungsvermeidung eine bedeutende Rolle. In unseren Untersuchungen von Schülern der Klassen 4 bis 6 der Allgemeinen Förderschule im Land Brandenburg erreichten über 50% einem CFT-IQ von mindestens 75 bis 80 und verhielten sich, Beobachtungen zufolge, in vielen Lernsituationen des Deutsch- und Mathematik-Unterrichts misserfolgsorientiert und anstrengungsvermeidend. Wichtiger als der nicht repräsentative Prozentsatz ist die Tatsache, dass der sonderpädagogische Förderbedarf bei vielen Schülern in zentralen Unterrichtsfächern zumindest zeitweise vorrangig in der Entwicklung eines aktiveren Lernverhaltens besteht. Diese Kinder erwarten von der Beschäftigung mit den Lernaufgaben keine Selbstwertbestätigung. Sie meinen, ihre Leistung bringe ihnen nur wenig Ansehen in der Gruppe, haben nur geringe Hoffnung auf gute Erfolge und befürchten stattdessen die Konfrontation mit ihren Unzulänglichkeiten. Daher tendieren sie z.B. zur Anstrengungsvermeidung (ROLLETT 1998), die als "müde werden", "Hilfe suchen", "Ablenkbarkeit", "Verweigerung" u.a.m. erscheinen kann, so dass sie dadurch weniger Unzulänglichkeitsgefühle aktualisieren. Eine aktive Lernposition kann schwer angeregt werden, wenn Vermeidungsverhalten durch Gewinn an Sicherheit verstärkt wird. Zudem mangelt es den Schülern an metakognitiven Strategien für ein aktives Lernverhalten (vgl. BORKOWSKI & KURTZ 1987, CAMPIONE & BROWN 1977, KLAUER & LAUTH 1997, LOMPSCHER u.a. 1978, SCHRÖDER 2000, 129 ff., u.a.).
Der Aktivierung dieser Schüler dient ein motivierender, handlungs- und projektorientierter Unterricht. Das sind grundlegende Wege, die im Mittelpunkt stehen müssen (vgl. KRETSCHMANN, DOBRINDT & BEHRING 1997). Spezifische Anregungen für die Förderung von Aufmerksamkeit und Konzentration geben unter anderem Trainingsvorschläge von LAUTH & SCHLOTTKE (1999) und BARCHMANN u.a. (1988). Leider sind aber erzielte Erfolge zeitlich oft nicht nachhaltig genug oder bleiben auf einen engen Bereich beschränkt. In einem angewandten Trainingsprojekt beschäftigten wir uns deshalb mit der Entwicklung und Evaluation von Programmen zur Förderung des Lernverhaltens bei Schülern der 4. bis 6. Klassen mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Bereich des Lernens und der Leistung. Dabei wählten wir solche Schüler aus, die einen CFT-IQ von mindestens 75 bis 80 aufwiesen und für die nach dem Einsatz eines Arbeitsverhaltensbogens (KRASKA 1993) und nach Unterrichtsbeobachtungen in teilstandardisierten Situationen eingeschätzt wurde, dass die Verbesserung der motivationalen und metakognitiven Selbstregulation des Lernverhaltens ein wesentliches Förderziel darstellen müsste.
Unsere Programme zum Motivations- und Lernfähigkeitstraining wurden publiziert (EMMER, HOFMANN & MATTHES 2000) und die Evaluationsergebnisse können nachgelesen werden (EMMER, HOFMANN & MATTHES 1999, MATTHES, HOFMANN & EMMER 1999). Weitere Untersuchungen hatten eine unterrichtsintegrierte Lernförderung zum Inhalt (Wissenschaftliche Hausarbeiten 1997 bis 2001). Dabei entsprachen die Ziele und Zielgruppen denen der Programme zum Motivations- und Lernfähigkeitstraining. Für die Erfolgskontrolle wurde ein Teil der Methoden der Trainingsprogramme verwendet. So ist es möglich, die Wirkungen der Trainingsprogramme und der unterrichtsintegrierten Förderung zu vergleichen. Die Analyse der Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den Ergebnissen der einzelnen Trainingsprogramme und der unterrichtsintegrierten Förderung kann zu Erkenntnissen beitragen, welche Potenzen und Grenzen die Fördervarianten haben. Unser Beitrag widmet sich diesen Fragen.
Gesamter Text: Brauchen wir ein spezielles Training zur Förderung des Lernverhaltens? (pdf-Datei, 370 KB)
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